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History

Die Wunderkammer – eine Tradition zum Staunen

WunderkammerLange bevor 1779 das erste Museum Deutschlands seine Tore öffnete, wurden Raritäten aus Natur, Kunst und Technik gesammelt. Mit dem Aufkommen der Seefahrt fanden Kostbarkeiten aus allen Erdteilen ihre Wege in die Schatzkammern der europäischen Könige. So entstand ab 1550 unter Herzog Albrecht V. die erste sogenannte Kunst- und Wunderkammer. Eingerichtet, um Entzücken und Staunen über die Vielfalt der „universalen Schöpfung“ zu wecken, war sie nur Adeligen und wenigen Gelehrten zugänglich.
Auf der Inventarliste von 1598 finden sich bedeutende Gemälde ebenso wie antike Münzen, Krokodil-Skelette und ein präparierter Elefant. Auch an vielen anderen europäischen Höfen wurden bald solche Kunst- und Wunderkammern errichtet.

Erst im 17. Jh. wurde die Idee der Raritätensammlung von Gelehrten übernommen. Eine erste rein naturkundliche „Wunderkammer“ hat der Apotheker und Botaniker Basil Besler eingerichtet. Im Gegensatz zu den adligen Sammlern, die sich am eigenen Erstaunen vergnügten, basierte seine „Merkwürdige Naturalienkammer“ auf seiner wissenschaftlichen Neugier. Als begabter Künstler hielt er außerdem seltene Pflanzen und Tierskelette auf Kupferstichen fest.

SammlerleidenschaftDie Entwicklung von Handel und Seefahrt trieb auch die Sammlerleidenschaft in Europa voran. So erweiterte August der Starke die ehemalige Wunderkammer seines Dresdner Schlosses zu der beachtlichen Schatz- und Raritäten-Sammlung des „Grünen Gewölbes“. Und Gelehrte wie der Leipziger Johann Richter legten mit ihren umfassenden Naturalienkammern den Grundstein für spätere Naturkundemuseen. Noch im 19. Jahrhundert galt die Devise: Wer auf sich hält, der sammelt. Kuriositäten aus fernen Ländern waren eine beliebte Ware auf den Marktplätzen der Handels- bzw. Hafenstädte.

Einer der berühmtesten und letzten Privatsammler des 19. Jahrhunderts war Johann Wolfgang Goethe. Angeblich brachte er von jeder seiner Reise Koffer voller Steine mit nach Hause. Außerdem wird behauptet, er habe die gesamte Damenwelt Weimars zum „Mineralogisieren“ animiert. Auch literarisch hat sich der Geheimrat zum Thema geäußert. „... und was umherstand erinnerte, daß Vergangenheit auch in die Gegenwart übergehen könne.“ Das Sammeln war nicht mehr dem Staunen sondern der Erkenntnis gewidmet.

Friedericaneum KasselFür die Wissenschaft noch bedeutsamer war Alexander von Humboldt, der als Naturforscher durch die ganze Welt reisten, um seine wissenschaftlichen Studien in Berlin zu begründen.
Durch die Entwicklung der Wissenschaft wurde auch der öffentliche Wunsch nach freiem Zugang zu den Schätzen aus Kunst und Natur stärker.
Es war das Land Hessen, in dem das erste öffentliche Museum Europas erbaut wurde. Nach zehnjähriger Bauzeit eröffnete Landgraf Friedrich II. das Museum Fridericianum in Kassel. Eine umfangreiche und nach wissenschaftlichen Kriterien sortierte Sammlung lud nun ihr Publikum zur „Erbauung und Erinnerung“ ein. Das Museum verfügte außerdem über eine umfangreiche Bibliothek. Hier arbeiteten die Gebrüder Grimm und stellten ihre berühmte Sammlung deutscher Volksmärchen zusammen.

Das Fridericianum war das letzte Universal-Museum. Im folgenden Jahrhundert, um 1850 wurden die ersten bedeutenden Sparten-Museen in Deutschland gegründet. Aus ihnen entwickelten sich Institutionen, die mit ihren heutigen Beständen den höchsten Stand der kultur- und naturhistorischen Wissenschaft dokumentieren.
In den letzten Jahren ist jedoch die Idee der Wunderkammer in die Museumslandschaft zurück gekehrt. So plant die Humboldt-Universität mit ihren Beständen „Wunderkammern des Wissens“ zu errichten. Besonders in ihren Angeboten für Kinder und Jugendliche entdecken die Museen wieder die Tradition des Staunens. Mit modernen Ausstellungskonzepten wird die Wunderwelt von Natur, Kunst und Technik für junge Menschen zum aufregenden Erlebnis.

Wundersames lauert auch in der Welt der Online-Museen. Virtuelle Wunderkammern warten auf ihre Besucher, und kuriose Kollektionen beweisen, daß die Sammelleidenschaft im Zeitalter des Konsumwahns eher zu- als abnimmt. So zeigt eine Online-Galerie die vollständige Sammlung sämtlicher Bananen-Aufkleber der Welt. Auch in einer Zeit, in der es so gut wie alles zu geben scheint, ist das Staunen noch möglich.
Nicht zuletzt sind es die originalen Wunderkammern selbst, die als Sehenswürdigkeiten neu entdeckt werden. Manche von ihnen wurden erst in den letzten Jahren aus ihrem mehr als hundertjährigen Dornröschen-Schlaf geholt. Denn das Staunen kommt wieder in Mode.